Finanzmarkt. Von Morlocks und Eloi

Die Zeitmaschine - vor Morlocks und EloiLondon in der Silvesternacht 1899. Während draussen auf den Straßen das neue Jahrhundert verheißungsvoll anbricht, baut ein namenloser Wissenschaftler in seinem Labor eine Zeitmaschine. Er entflieht mit seinem Apparat der viktorianischen Enge seiner Zeit in eine vermeintlich bessere Zukunft. Was er im Jahr 800.000 (!) vorfindet ist eine Welt, die aus zwei unterschiedlichen Völkern besteht. Den Eloi, friedvollen aber gleichgültigen Wesen, die Harfe spielend an Flussufern weilen. Und den Morlocks, haarigen Monstern, die hin und wieder ein paar Eloi fangen und auffressen. Beide Völker akzeptieren ihre Welt. Die Eloi wehren sich nicht gegen das gefressen werden und den Morlocks schmecken die Eloi ganz gut. Unser Zeitreisender schafft es, den Willen zum Widerstands bei den Eloi zu sähen, damit sich diese von den Morlocks befreien.

Jeder von Euch kennt die Verfilmung des Romans von H.G. Wells aus dem Jahr 1960. Unfreiwillig komisch aber irgendwie beklemmend wird dort eine ferne Welt gezeigt, die sich genau heute abspielt. Eloi und Morlocks, fressen und gefressen werden sind allgegenwärtig. Ein Beispiel:

Der nette junge Mann in diesem Video erzählt uns, nicht ohne Stolz, dass er als Morlock gar nicht anders kann, als Eloi zu fressen. Er manifestiert den Führungsanspruch der Morlocks, vertreten durch Goldman Sachs, mit dem Naturgesetzt des freien Marktes. „Morlocks fressen Eloi. Das war schon immer so.“ Die Eloi, in dieser Szene vertreten durch zwei sprachlose BBC-Moderatoren, nehmen ihr Schicksal hin, überlegen allenfalls, ob sich nicht zu Morlocks umschulen sollen. Aber. Schnapp. Da sind sie auch schon gefressen.

Was ist passiert, dass sich die Eloi unserer Zeit so in die Abhängigkeit der Morlocks begeben haben? Glaubt jeder Eloi, er könne selbst ein Morlock werden? Warum wehren sich die Eloi nicht? Akzeptieren wir das alles als Weltgleichgewicht? Das Naturgesetz, das den Markt regiert und stets das Richtige tut, gibt es nicht. Vielmehr bauen sich die Morlocks unserer Zeit die Gesetze selbst und die Eloi schauen im besten Fall zu oder helfen sogar dabei.

Morlock oder Eloi. Wir durchbrechen die vermeintlichen Grenzen nur, wenn wir sie nicht akzeptieren. Nicht die Unsichtbare Hand von Adam Smith ist die Grundlage des Wirtschaftens, sondern Ursache und Wirkung. Jede Markthandlung hat immer Auswirkungen. Und es sind diese Wirkungen, die bei der Schaffung von Marktregeln den Ausschlag geben müssen.

 

À votre santé. McDonald’s setzt auf Bio.

Das nenne ich mal eine Headline: „McDonald’s verabschiedet sich vom Hamburger!“ Bitte was? Und tatsächlich. Im Pariser Banken- und Büroviertel La Défense kredenzt die (Ex-)Burgerkette ab sofort seinen Gästen nur noch Frisches von der Salatbar. Der Bio-Imbiss ist eingebunden in das McCafé-Konzept und gilt als Testmarkt für die zukünftige Ausrichtung des Konzern. Mit Frankreich hat sich McDonald’s den wichtigsten Markt außerhalb der USA ausgesucht. Der sprichwörtliche Hang zur guten Küche in Frankreich ist dabei eher nebensächlich.

Was steckt also drin in der Bio-Tüte? Wieder nur altes Plastik-Futter (nur eben grün angemalt) oder vielleicht doch die tiefere Einsicht, dass man mit Gen-Food und geschmacksverstärkten Kalorienmonstern bald nur die „abnehmende“ Zielgruppe derer finden wird, denen gesunde Ernährung wirklich völlig egal ist.

McDonalds Logo

Nur Greenwashing oder grünes Bewußtsein?

Dass Bio-Lebensmittel nicht nur bei der Öko-Bohème in Berlin-Prenzlberg und in Freiburg-Vauban beliebt sind, sondern eben auch in Paris, London und New York weite Teile der einkaufenden Bevölkerung erreicht zeigen die unzähligen Bio-Proukte in den Supermarktregalen. Die Marktdurchdringung scheint sich dabei ganz offenbar konzentrisch von den urbanen Zentren an die Stadtränder zu bewegen und nicht – wie man annehmen könnte – umgekehrt.

Der aufgeklärte Großstadtmensch entdeckt mithin seine Vorliebe fürs Natürliche und bildet die frühe Mehrheit der Öko-Kunden. Der suburbane VW-Touran-Fahrer hingegen geht weiterhin – wenn auch seltener – auf der „grünen“ Wiese auf Schnäppchenjagd.

So ist es kein Versehen, wenn McDonald’s das erste Bio-Restaurant im beton-grauen Umfeld von La Défense eröffnet sondern Ergebnis einer durchdachten Marketingstrategie. Sollte das Konzept dort erfolgreich sein, dürfen wir uns schon bald auf McBio in Frankfurt, Berlin und Hamburg freuen.

Doch nur Greenwashing also bei McDreck? Wünschen wir McDonald’s viele gesunde Kunden. Auf dass das Konzept, Gutes zu tun, aufgeht und viel gutes Karma zu weiteren Schritten motiviert.

Börse und Moral. Laster und Zaster

Märkte kennen keine Moral, so die bisherige Grundlage auf der Aktienhändler und Börsenspekulanten ihre Portfolios mit allerhand fragwürdigen Titeln gefüllt haben. Die Financial Times Deutschland hat dazu jetzt einen Artikel veröffentlicht, der das Thema Moral und Markt beleuchtet.

FTD vom 09.01.2010 – Tugend, Zaster, Laster

Demnach versprächen gerade die „unmoralischen“ Anlagen hohe Renditen. Was die FTD dann so „sündig“ nennt führt den Artikel und mit ihm den Leser in die völlig falsche Richtung. Verwerflich ist da die Anlage in Alkohol wie die Carlsberg Brauerei oder in nackte Haut bei Beate Uhse. Mit einem Augenzwinkern spricht die FTD von den kleinen Sünden den Menschen, über die sich die Moralisten mal nicht so echauffieren sollen.

Was die FTD (wohl aus gutem Grund) völlig weglässt sind die menschenverachtenden Spekulationen mit lebensnotwendigen Nahrungsmitteln oder Saatgut. Jeden Tag fordert die Gier der Anleger die Leben der Menschen, die sich die Lebensmittel bzw. das Saatgut nicht leisten können. Da werden Profite mit dem Unglück von Menschen gemacht, die keine Chance haben.

Das, liebe FTD ist wirklich böse!!

 

Gutfried. Mein Schwein fliegt

Eigentlich wundert es nicht. Gutfried Puten-Cervelatwurst enthält nicht nur Puten- sondern auch Schweinefleisch. Man erwartet von einem industriellen Lebensmittelproduzenten ja schließlich, dass er kosten-, geschmacks- und gewichtsoptimierte Produkte in die Supermarktregale stellt, die wir dann alle brav essen.

Es wundert auch nicht, dass sich Webportale wie foodwatch (zu Recht) trotzdem darüber aufregen, dass Gutfried hier vermeintlich Etikettenschwindel betreibt und die Verbraucher an der Nase herumführt – was bei abgepackten Lebensmitteln allerdings nicht so einfach ist. Hier sei angemerkt, dass per Definition „Cervelatwurst“ nach dem Schweizer Ur-Rezept immer Schweinefleisch enthält – das wird uns vom Hersteller sicher auch bald mitgeteilt werden.

Pute

Grundlage für Puten-Cervelatwurst / fotolia.de

Völlig dämlich allerdings ist, das Eigentor, dass sich der Versmolder Lebensmittelproduzent geschossen hat. Neben der Blamage, so offensichtlich beim Schummeln erwischt worden zu sein ist der Imageschaden beträchtlich. Das mit Johannes B. Kerner so nachhaltig aufgemöbelte Image der leichten, grünen und bekömmlichen Geflügelwurst ist futsch. Ein Millionen-Etat für die Katz. Ganz offensichtlich hat hier der Controller den Abgleich der Produktions- und Werbekosten nicht im Griff.

Unehrlichkeit und Unaufrichtigkeit bringt schlechtes Marken-Karma und sind schlecht für’s Geschäft.

Hier der Artikel von abgespeist.de
Hier ein Link zu Gutfried Putencervelat

Charlotte Roche macht’s mit Christian Wulff!

Als hätte der Mann nicht schon Probleme genug. Christian Wulff, unser Bundespräsident, erhält ein unmoralisches Angebot von Charlotte Roche, wenn er das Gesetzt zur Laufzeitverlängerung der AKWs in Deutschland nicht unterschreibt. Über die medialen Hintergründe der Provokation von Charlotte Roche wird jetzt natürlich viel diskutiert:“Bringt die wieder ein neues Buch raus?“, „Schau doch mal in den Spiegel!“, „Herrlich“. Zumindest ragt so ein Mem schon mal deutlich raus. Und mal ehrlich, frech und lustig ist es obendrein.

Feuchtgebiet Gorleben

Feuchtgebiet: Gorleben

Warum ist aber ausgerechnet unser Bundespräsident Ziel einer solchen Provokation? Hätte das jemand mit von Weizäcker, Herzog oder Köhler gewagt? Wäre das dann überhaupt frech und lustig gewesen? Nein. Vielmehr ist Christian Wulff  - nicht nur für  Kabarettisten – häufig Ziel respektloser Witzchen. „Mit dem Wulff kann man’s halt machen!“ Und das hat einen Grund:

Anders als bei seinen Vorgängern ist Christian Wulff als Marke installiert, ohne echten Markenkern. Das muss nicht zwangsläufig ein politische Programm sein. Christian Wulff ist mit Sicherheit ein interessanter, intelligenter Mensch, der als Ministerpräsident in Niedersachsen eine ganz gute Figur abgegeben hat. Und vermutlich hat er sogar eine politische Idee. Warum aber sehen wir nichts davon? Mit seinen Äußerungen zur unsäglichen Integrationsdebatte hat er ja gezeigt, dass er einen Standpunkt hat, der sich von Tages- und Parteipolitik löst und für alle Deutsche relevant ist.

So lange es sich aber bei Christian Wulff um eine Marke handelt und nicht um einen Bundespräsidenten mit Profil und einem echten Kern, wird man’s mit ihm machen können – frech und lustig.

Sixt springt auf den Castor-Zug auf

Das ist der Werbe-Aufreger der Woche: Jung von Matt lässt für Sixt Demonstranten mit Werbeplakaten und Flugblättern auf der Anit-Castor-Demo antreten und spaltet damit die Werbelandschaft. „Frech“, „gewagt“ und „intelligent“ twittern die Befürworter der Guerilla-Kampagne, „peinlich“, „obszön“ und „voll daneben“ wettern die Gegner. Zu diesem PR-Stunt kann sich wirklich jeder eine Meinung bilden. Schauen wir mal:

Sixt Kampagne von der Leyen

Frechheit siegt.

Irgendwie scheint die Nummer Teil der Kampagnen-Strategie „Wir gehen mit schnellen Werbe-Aktionen auf das aktuelle Zeitgeschehen ein – schnell, nah dran, intelligent und frech“. Wir erinnern uns an das Motiv in dem Angela Merkel mit windzerzaustem Haar die Cabrio-Saison eröffnet oder (mein Favorit) Ursula von der Leyen, die kurzzeitig als Bundespräsidentin gehandelt wurde. Frechheit siegt! Gehen wir zudem mal davon aus, dass  sich Jung von Matt den öffentlichen Diskurs mit in die Media-Coverage-Rechnung (so mit Tagesschau und allem Zipp und Zapp) genommen hat, könnte die Kampagne ja eigentlich wirklich gut funktioniert.

Tut sie aber nicht. Schnell ist sie zwar, nah dran auch und mit ein bisschen Wohlwollen ist die Idee auch intelligent. Das mit der Frechheit geht aber völlig daneben. Was als Satire intendiert ist, mutiert zur Häme –  Zynismus ersetzt das Zwinkern im Auge. Statt Scherze auf Kosten der Obrigkeit, macht sich die Kampagne über die Leute lustig. Das ist arrogant und überheblich und wird (bei aller medialen Reichweite) nicht dazu führen, dass die Marke Sixt mit den gewünschten Werten aufgeladen wird – ganz im Gegenteil.

Schade eigentlich.

Die Welt aus den Angeln heben

Benoit Mandelbrot

Die Welt aus den Angeln heben

Am 14. Oktober ist Benoît B. Mandelbrot im Alter von 86 Jahren gestorben. Vielen ist der Name überhaupt kein Begriff, den Medien war der Tod des Mathematikers aus Cambrigde eine Randnotiz wert und nur wenige haben ausführlicher berichtet. Das ist insofern bemerkenswert, da Mandelbrot mit seiner Forschung nicht weniger vollbracht hat, als die bisherige Welt vollständig aus den Angeln zu heben. Mandelbrot gilt als einer der führenden Vertreter der Chaostheorie und hat mit der nach ihm benannten Mandelbrot Menge die Grundlage zur fraktalen Geometrie gelegt.

Was, hat er? Kurz gesagt hat Benoît Manelbrot das historische Bild einer Welt, die sich auf idealen, perfekten Gesetzen aufbaut durch Chaos und Unordnung ersetzt. Seit Platon gilt, das Ideal als Grundlage für die Beschreibung der Welt. Beispiel: Ein Punkt in einem Koordinatensystem ist nach Platon exakt ein Punkt. Aus dem Perspektive einer Ameise wird ein Punkt jedoch eine respektable Fläche. Fazit: Für Platon war die Natur die kleine hässliche Schwester der Mathematik. Nur dient diese Mathematik überhaupt nicht, unsere Realität zu beschreiben, da sie es sich viel zu leicht macht.

Platoniker und das Apfelmännchen

Das hörten die sog. Platoniker natürlich nicht gerne. Postwendend haben sie Mandelbrot, nachdem eine direkte Opposition zu seinen Ideen, schon allein durch den gesunden Menschenverstand nicht haltbar war, den Mathematiker als „Erfinder des Apfelmännchens“ zur Popart-Ikone wegbefördert.

Preis-Absatz-Funktion

"Wo genau war noch mal die Gewinnschwelle?", fragte die Ameise.

Dabei steckt hinter der Idee der fraktalen Geometrie ein geniales Bauprinzip, durch das alle natürlichen Systeme beschrieben werden können. Grundlage hierfür ist die millionenfache Wiederholung ganz einfacher Prozesse. Blattadern, die Verteilung von Milch im Kaffee, das Wetter, die Wirtschaft – super-komplexe Systeme basieren auf der gleichen Idee, der Multiplikation.

Chaos und Marketing

Womit wir im Marketing wären. Märkte sind komplexe Strukturen aus Millionen einzelner Individuen mit Milliarden von Entscheidungen, die zudem online miteinander vernetzt sind. Der Versuch, sich mit platonischen Mitteln dieser Komplexität zu nähern führt genau dahin, wo viele Unternehmen heute noch scheitern: in Excel-Charts, Business-Intelligence Dashboards und quartalsweisen Return on Marketing Invest Berechnung, die bestenfalls bis zum nächsten unvorhergesehenen Ereignis Bestand haben.

Was tun, wenn man, wie das Wetter, die Zukunft nicht beherrschen kann? Na ja, ein Regenschirm wäre ein guter Anfang. Ebenso erfolgversprechend ist es, Entscheidungen auf Grundlage von Erfahrung und nicht anhand von idealisierenden Excel-Berechnungen zu fällen. Sicher der beste Weg, sich durch das Chaos zu bewegen, ist die Konzentration auf das Gute im Unternehmen und dessen glaubwürdige Kommunikation. Und, oh Wunder, gutes Karma im Marketing.

Trauer und der Ruf nach Verantwortung.

Die Tragödie auf der Loveparade in Duisburg, die doch als ein friedliches Sommerfest geplant war ist entsetzlich und wir trauern um die Opfer. Unser Mitleid gilt den Angehörigen und den vielen Verletzten, die noch in den Krankenhäusern sind. In diesem Sinne sollte der Wunsch nach einer schnellen Aufklärung der Ursachen für die Katastrophe von allen Beteiligten selbstverständlich sein, schon allein, damit sich eine solche Tragödie nicht wiederholt.

Wenn ich die Meldungen von gestern Abend und heute lese, kommt mir jedoch (entschuldigt bitte) das Kotzen. Veranstalter, Stadt und Sicherheits-Gutachter weisen die Schuld von sich, und dem jeweils anderen zu. Rainer Schaller (Geschäftsführer der McFit-Kette), Organisator und Hauptsponsor, behauptet, die Stadt habe keine Bedenken gesehen. Bürgermeister Adolf Sauerland (what a name!) wiederum fordert eine lückenlose Aufklärung, als sei er überhaupt nicht beteiligt und schließlich der Sicherheits-Experte und Panikforscher Michael Schreckenberg (what a name 2!) spricht von unvorhersehbaren Ereignissen und „dem Werk Einzelner“ und macht damit indirekt die Party-Leute selbst für ihr Unglück verantwortlich.

Liebe Herren Schaller, Sauerland und Schreckenberg. Auch wenn die jetzt durchgeführten Untersuchungen nicht dazu führen, dass Sie zur Verantwortung gezogen werden. Auch wenn es am Ende irgendein kleiner Ordner ist, der zu lange mit dem Öffnen der Tore gewartet hat wodurch der Druck zu groß wurde, der mit der vollen Härte des Gesetztes bestraft wird. Gedenken Sie der Opfer und denken Sie an Ihr eigenes Seelenheil und übernehmen Sie die Verantwortung für diese Tragödie. Entschädigen Sie die Opfer großzügig, nehmen Sie Ihren Hut und lassen Sie zukünftig die Finger von solch gefährlichen Dingen.

Friede, Freude, Eierkuchen.

Es gibt wohl keine Tugend, die so sehr den allgemeinen Wertekanon der meisten zivilisierten Gesellschaften anführt wie die Friedfertigkeit. Ebenso wie der Mildtätige ist der auf Gewalt als Mittel zur Durchsetzung von Interessen Verzichtende allen Menschen ein Vorbild und wird – vor allem dann, wenn die Friedfertigkeit an gar nicht so friedlichen Zeitgenossen scheitert – mitunter mit Selig- oder Heiligsprechung (oft posthum) geehrt.

Und auch die ökonomische Gesellschaft hat sich – mit Ausnahme einiger Staaten – darauf geeinigt, von direkter Gewalt zur Erreichung wirtschaftlicher Ziele abzusehen. So zieht wohl kein Unternehmer mehr beherzt den Degen, um seinen Konkurrenten im Morgengrauen dessen Chancenlosigkeit bei der öffentlichen Ausschreibung des Fürsten klar zu machen. Wettbewerbs- und Strafrecht liegen heutzutage glücklicherweise weit auseinander.

Bewalt im Business

Quelle: istockphoto

Oder etwa nicht? Welche Rolle spielt Gewalt in unserer täglichen Marketing-Realität? Wie sehr werden wir von Gewalt beeinflusst oder üben selbst Gewalt aus?

Gewalt in der Werbung
Über die Allgegenwart von Gewalt in den Medien, allen voran im Fernsehen, ist allenthalben viel zu lesen. Die Werbung macht natürlich gerne einen Bogen um allzu viel Gewalt und mit Ausnahme einiger Ausrutscher hatte der Werberat in Deutschland in dieser Beziehung im letzten Jahr recht wenig zu tun. Das soll aber nicht mein Thema hier sein. Wen’s interessiert: hier ein schöner Artikel dazu.

Gewalt in der Sprache
Viel deutlicher tritt die Gewalt aber in unserer Sprache zutage, die wir im gemeinsamen Arbeiten verwenden. Wer von Euch in der Industrie wirkt oder Einblicke hat, wird Begriffe wie „Grabenkriege“, „Nebenkriegsschauplätze“ kennen. In Beratungen werden „Truppen“ zusammengezogen, überflüssige Mitarbeiter „exekutiert“ oder schlicht „entsorgt“.

Ich bin beim besten Willen kein Verfechter der Gender-Mainstreaming-Political-Correctness-Weichwasch-Sprache, die wirklich nur nervt. Aber. Die Sprache in Unternehmen und Marketing verroht zusehends. Der Ton im Umgang mit Kollegen, Kunden und Dienstleistern wird härter und mit ihm auch der Umgang selbst.

Im Talmud gibt es dazu ein interessantes Zitat, das das meines Erachtens sehr treffend erfasst:

Achte auf Deine Gedanken, denn es werden Worte,
achte auf Deine Worte, denn es werden Taten,
achte auf Deine Taten, denn es werden Gewohnheiten,
achte auf Deine Gewohnheiten, denn es wird Dein Charakter,
achte auf Deinen Charakter,
denn es wird Dein Schicksal…

Kein Kunde hat Lust, sich mit einem Dienstleister zu beschäftigen, dessen Mitarbeiter „entsorgt“ werden. Keine Agentur bekommt gerne den „Marsch geblasen“. Die Grundlage für eine erfolgreiche Zusammenarbeit besteht aus einem wesentlich freundlicheren Duktus. Das hat nichts mit Friede, Freude, Eierkuchen zu tun, sondern schlicht mit guten Umgangsformen.

Aufgabe einer bewussten Gestaltung einer Unternehmenskultur ist daher das „Formen der Formen“ des Umgangs. Dabei geht es nicht um „Brainwash“ oder „Gleichschaltung“. Und es ist wirklich kontraproduktiv, eine Corporate Speech im Unternehmen „durchzusetzen“. Vielmehr es geht darum, dass man unter Kollegen, mit Kunden und Lieferanten eine positiv geprägte, freundliche Form der Kommunikation wählt, die einbindet statt abgrenzt.

Gute Umgangsformen bringen dann zwangsläufig auch gutes Karma.

Pharmalobby

Ohne Worte